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Die Fährverbindung von Ust-Luga nach Baltiysk

 

 

Blick auf Baltiysk (Pillau) und seinen Hafen – Foto: A.Savin, FAL, via Wikimedia Commons

 

 

Baltijsk (russisch Балтийск, historisch deutsch Pillau) ist die westlichste Stadt Russlands. Die Hafenstadt liegt in der Oblast Kaliningrad an der Ostsee und dient als strategisch wichtiger Hauptstützpunkt der russischen Baltischen Flotte. Sie hat knapp 27.000 Einwohner und fungiert als Vorhafen der Stadt Kaliningrad, dem früheren Königsberg. Bis zum Beginn des Ukraine-Krieges war Baltiysk ein auch bei deutschen Touristen beliebtes Reiseziel, die die sternförmige Zitadelle aus dem 17. Jahrhundert, den westlichsten Leuchtturm Russlands und die Frische Nehrung, ein langes Naturreservat mit Sanddünen und verlassenen Militärruinen (wie dem Fort Zapadny) besuchten.

Baltiysk und Kaliningrad sind aufgrund ihrer geografischen Lage als Exklave vollständig von EU-und NATO-Staaten (Polen und Litauen) umgeben. Dementsprechend schwierig ist die Verkehrsanbindung an das Kernland Russland. Da die EU ihren Luftraum für russische Fluggesellschaften gesperrt hat, können Flugzeuge nicht den direkten Weg nehmen. Sie müssen einen weiten Umweg fliegen – von Kaliningrad aus nach Norden über die Ostsee (internationaler Luftraum) und dann über den Finnischen Meerbusen Richtung St. Petersburg oder Moskau. Auch der Eisenbahnverkehr ist stark reglementiert. Züge wie der Marken-Express „Jantar“ verkehren zwischen Moskau/St. Petersburg und dem Hauptbahnhof Kaliningrad-Passaschirski. Die Route verläuft durch Belarus und Litauen. Die Züge werden während der dreistündigen Fahrt durch Litauen lückenlos überwacht. Russischen Passagieren ist es strengstens untersagt, auf litauischem Boden ein- oder auszusteigen. Der Transport von sanktionierten Gütern wie Stahl, Zement oder Baumaterialien auf dem Landweg ist stark reglementiert oder verboten. Ähnlich strikte Regeln gelten für den Straßenverkehr. Deshalb hat Russland die Anbindung von Baltiysk/Kaliningrad über den Seeweg massiv ausgebaut. Die zentrale Lebensader für den Gütertransport ist die Autofährverbindung zwischen dem Hafen Ust-Luga (nahe St. Petersburg) und dem Hafen von Baltijsk. Die Linie wird primär von den staatlichen Logistikunternehmen Oboronlogistics (als Frachtagent) und Rosmorport betrieben. Aktuell teilen sich die Aufgaben hauptsächlich fünf große Eisenbahnfähren und zusätzliche Frachtschiffe. Oboronlogistics bereedert das Ro-Pax-Schiff “Antey”und die beiden klassischen Eisenbahnfähren „Ambal“ und „Baltiysk“, während die beiden modernen Eisenbahnfähren „Marshal Rokossovsky“ und „General Chernyakhovsky“ vom staatlichen russischen Schifffahrtsunternehmen Rosmorport betrieben werden. Beide Reedereien agieren unter dem Dach des staatlichen Logistikunternehmens JSC Sovfracht. Jedes Schiff schafft im Schnitt 5 bis 6 Rundläufe pro Monat. Da immer mehrere Schiffe parallel im Einsatz sind, gibt es fast alle ein bis zwei Tage Abfahrten. Es gibt aber keinen starren Fahrplan, sondern die Schiffe legen ab, sobald sie “voll” sind. Die Überfahrt dauert 38-40 Stunden.

Für Passagiere mit und ohne Auto ist nur auf der “Antey” eine Mitreise möglich. Die anderen Fähren verfügen nur über jeweils 6 Doppelkabinen, die üblicherweise von LKW-Fahrern belegt sind. Da der Landweg für viele Reisende blockiert oder stark reglementiert ist, sind die Passagierplätze auf der “Antey” oft Wochen oder Monate im Voraus ausgebucht. Rein rechtlich und bürokratisch ist eine Mitreise auch für deutsche Staatsangehörige möglich, in der Praxis jedoch mit extremen bürokratischen, logistischen und sicherheitsrelevanten Hürden verbunden. Ein Pauschalverbot für Ausländer auf den Inlandsfähren gibt es nicht, sofern alle Dokumente lückenlos vorliegen. Auch die “Antey” ist primär ein Frachtschiff. Es gibt an Bord keine englisch- oder deutschsprachige Betreuung. Alle Sicherheitsunterweisungen, Durchsagen und Buchungsprozesse erfolgen ausschließlich auf Russisch. Auch gibt es  – abgesehen von einer Kantine – keinerlei Unterhaltungs- oder Einkaufsmöglichkeiten an Bord.

 

 

Das Ro-Pax-Schiff “Antey”:

 

 

Das Foto zeigt die “Antey” am 22.April 2024 im Öresund auf der Überführungsreise vom Schwarzen Meer in die Ostsee. Die Verwendung dieses auf flickr veröffentlichten Fotos wurde uns am 5.7.2026 vom Urheber Siegfried Zackl gestattet – herzlichen Dank für die Unterstützung.

 

 

Das Ro-Pax-Schiff “Antey” (russisch АНТЕЙ, IMO 8311912, MMSI 273252340, Rufzeichen UAEA7 – ) wurde am 30.07.1987 unter der Baunummer 324 auf der VEB Mathias-Thesen-Werft in Wismar auf Kiel gelegt. Der Stapellauf erfolgte am 31.05.1988, die Ablieferung an die VEB Deutfracht Seerederei als “Greifswald” am 1.11.1988, die offizielle Indienststellung auf der Verbindung Mukran – Klaipeda am 25.11.1988. 1994 wurde die “Greifswald” auf der polnischen Werft Gryfia (Szczecińska Stocznia Remontowa „Gryfia“) in Stettin (Szczecin) grundlegend umgebaut. Das Schiff, das vorher nur für 12 Passagiere zugelassen war, erhielt neue Kabinen, Gemeinschaftsräume und Versorgungseinrichtungen für 150 Passagiere. Außerdem wurde das Ladedeck so modifiziert, dass auch Straßentransportfahrzeuge (TIR-Lkw und Autos) problemlos geladen werden konnten.

Bis Januar 1997 verkehrte die “Greifswald”  auf der Route Mukran – Klaipeda, anschließend bis November 1999 auf der Route Travemünde – Klaipeda, danach bis Dezember 2002 auf der Verbindung Kiel – Klaipeda. Vom 12. Januar bis zum 26. März 1999 war sie kurzfristig als Ersatzfähre zwischen Kiel und Göteborg im Einsatz, von März bis Mai 2001 auf der Route Århus – Halmstad. 2003 wurde die “Greifswald” an die ukrainische Reederei Ukrferry verkauft. Ab diesem Zeitpunkt übernahm das Schiff den regelmäßigen Liniendienst auf verschiedenen Routen im Schwarzen Meer. Zu ihren Stammstrecken gehörten die Routen zwischen Tschornomorsk (Ukraine, nahe Odessa) und den georgischen Häfen Poti und Batumi. Sie transportierte Güterzüge, Lkw und bis zu 150 Passagiere, die in Kabinen untergebracht waren. Mit dem Beginn des Ukrainekrieges im Februar 2022 kam der reguläre ukrainische Fährbetrieb im Schwarzen Meer abrupt zum Erliegen. Die  “Greifswald” wich zeitweise auf andere Gewässer aus, transportierte z. B. im Jahr 2023 Gebrauchtwagen von Rumänien nach Libyen oder lag im Mittelmeer. Im Dezember 2023 ging das Schiff  in das Management einer Istanbuler Firma über. Kurz darauf, im Frühjahr 2024, wurde sie offiziell unter russische Flagge registriert und in  “ANTEY” (“АНТЕЙ”) umbenannt. Namensgeber ist Antaios, eine Riesengestalt aus der griechischen Mythologie). Der aktuelle Betreiber ist das russische Logistikunternehmen JSC Sovfracht, welches stark in die staatlich gelenkte russische Transportinfrastruktur eingebunden ist.

Die “Greifswald” ist 190,90 Meter lang, 26,02 Meter breit und hat einen maximalen Tiefgang von 7,3 Meter. Sie ist seit dem Umbau 1994 mit 24.084 BRZ/7.225 NRZ vermessen und hat eine Tragfähigkeit von 8.005 Tonnen. Die Transportkapazität bei maximaler Auslastung aller Fahrzeugdecks liegt bei 90 Lastzügen oder 103 Eisenbahnwaggons, die Passagierkapazität bei 150 Personen, denen Suiten, Luxuskabinen und Standardkabinen mit 2 und 4 Kojen sowie ein Restaurant, ein Shop, eine Bar und ein Aufenthaltssalon zur Verfügung stehen.

Die Maschinenanlage besteht aus vier mittelschnelllaufenden Viertakt-Dieselmotoren Typ 6 VDS 48/42 AL-2 des VEB Maschinenbau Halberstadt mit jeweils 2.650 kW Leistung (Gesamtleistung ca. 14.420 PS). Jeweils zwei Motoren arbeiten über ein Reduziergetriebe zusammen auf eine gemeinsame Propellerwelle, die auf zwei Verstellpropeller wirken. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 18 Knoten, die Reisegeschwindigkeit 15,5 Knoten.

 

 

Die Schwesterschiffe “Marshal Rokossovsky” und “General Chernyakhovsky”:

 

 

Foto: Pressemitteilung der Newsky Shipyard vom 03.02.2022

 

 

Die Eisenbahnfähre “Marshal Rokossovsky“ (“Маршал Рокоссовский”, IMO 9872341, MMSI 273214860, Rufzeichen UGVB – ) wurde im Auftrag von “Rosmorport” auf der türkischen Werft Kuzey Star Shipyard in Tuzla gebaut. Das Schiff wurde wie sein Schwesterschiff „General Chernyakhovsky“ unter der Projektbezeichnung CNF19M von der Nevsky Werft entworfen, der Bau selbst aber aufgrund aufgrund mangelnder Kapazitäten und technologischer Spezialisierung in Russland an die Kuzey Star Shipyard im türkischen Tuzla ausgelagert. Die Kiellegung erfolgte am 17. Oktober 2018 unter der Baunummer 191, der Stapellauf am 21. August 2020, die Ablieferung am 04.03.2022.

Die “Marshal Rokossovsky“ ist 199,9 Meter lang, 27,4 Meter breit und hat eine Seitenhöhe bis zum Hauptdeck von 8,6 Meter und einen Tiefgang von 6,0 Meter. Das Schiff ist mit 20.661 BRZ/7.818 NRZ vermessen und hat eine Tragfähigkeit von 11.942 Tonnen. Das Schiff verfügt über rund 1.400 Gleismeter für bis zu 80 Eisenbahnwaggons. Alternativ können bis zu 73 Lastzüge befördert werden. Die Fähre ist als Frachtschiff zugelassen und kann dementsprechend nur maximal 12 Passagiere befördern – in der Regel LKW-Fahrer. Den Passagieren stehen zwei 4-Bett-Kabinen und zwei Doppelkabinen zur Verfügung. Das Schiff verfügt über eine Messe/Restaurant, einen Fitnessraum, eine Sauna und einen Pool, die sowohl der Besatzung als auch den Passagieren zur Verfügung stehen.

Die Maschinenanlage besteht aus eine umweltfreundlicher Dual-Fuel-Antrieb aus zwei Motoren Typ Wärtsilä 34DF mit einer Gesamtleistung von 12.000 kW (ca. 16.315 PS). Dual-Fuel-Antrieb bedeutet, das Schiff kann sowohl mit schwefelarmen Marinedieselkraftstoff als auch mit verflüssigtem Erdgas / LNG betrieben werden, nicht aber mit Schweröl. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 16,5 Knoten (ca. 30,6 km/h). Das Schiff ist mit der Eisklasse ARC4 zertifiziert und kann ohne Eisbrecherhilfe durch 80 cm dickes Eis navigieren.

 

 

 

Das Schwesterschiff “General Chernyakhovsky”  (Генерал Черняховский, IMO 9878929, MMSI 273298390, Rufzeichen UBZW5 –   ) wurde am 23.04.2019 unter der Baunummer 192 auf der türkischen Werft Kuzey Star Shipyard in Tuzla auf Kiel gelegt. Der Stapellauf fand am 22.05.2021 statt, die Ablieferung erfolgte am 06.10.2022. Die technischen Daten und die Ausstattung entsprechen denen der “Marshal Rokossovsky”. Foto: Igor Shiryaev, Russian Ships.net

 

 

Das Eisenbahn-Fährschiff  “Baltiysk” (ex “Railship II”):

 

 

 

Die Eisenbahnfähre “Baltiysk”  (“Балтийск”, IMO 8318130. MMSI 273317640, Rufzeichen UHMA – ) wurde am 9. Januar 1984 unter der Baunummer 1043 auf der Schichau Seebeckwerft in Bremerhaven auf Kiel gelegt und am 22. November 1984 als “Railship II” auf der Verbindung Travemünde – Hanko in Dienst gestellt. Beim Bau der “Railship II” griff die Werft auf den Entwurf der “Railship I”  zurück, da sich dieses Schiff sehr gut bewährt hatte. Durch die hydrodynamische Weiterentwicklung der Rumpfform und Gewichtseinsparungen wurde die gleiche Geschwindigkeit wie bei dem kleineren Vorgängerschiff erreicht. 1998 wurde die “Railship II” auf die Verbindung Travemünde – Turku versetzt. Im September 2002, nach Auflösung der Railship-Gruppe, wurde das Schiff in “Finnrider” umbenannt, am 24. März 2004 in “Rider”. Bis 2005 war es im Finnlandverkehr eingesetzt und wurde im März 2006 an die russische Reederei Rosmoport verkauft und am 29. Mai 2006 in “Baltiysk” umbenannt. Nach der Umrüstung der Gleisanlagen auf die russische Breitspur verkehrt die Fähre jetzt zwischen Baltijsk und Ust-Luga.

 

Die “Baltiysk” ist 186,52 Meter lang, 21,65 Meter breit und hat einen Tiefgang von 6,50 Meter. Sie ist mit 20.446 BRZ/6.134 NRZ vermessen und hat eine Tragfähigkeit von 9.887 Tonnen. Auf drei Ladedecks sind jeweils 5 parallele Gleise mit einer Gesamtlänge von 1976 Metern verlegt – auf dem unteren Deck 458 Meter, im mittleren Deck 777 Meter und im oberen 741 Meter. Auf dem offenen Oberdeck können mit zwei Spezialdavits Personenwagen für den Export geladen werden. Außerdem besteht die Möglichkeit, auf den Eisenbahndecks auch LKW und Trailer zu befördern. Für LKW-Fahrer stehen 12 Kabinenplätze zur Verfügung.

 

Die Maschinenanlage besteht aus zwei Hauptmotoren mit je 8.000 kW Leistung (Gesamtleistung 21.753 PS), die über je ein Getriebe einen Verstellpropeller antreiben. An jedem Getriebe ist zusätzlich ein Wellengenerator mit 1000 kW Leistung angebaut. Außerdem sind zwei Dieselgeneratoren mit je 1000 kW und ein Hafendiesel mit 176 kW verbaut. Im Bug befinden sich zwei Querstrahlruder. Die Maschinenanlage, mit Ausnahme des Hafendiesels, ist für den Betrieb mit Schweröl ausgelegt. Die Dienstgeschwindigkeit beträgt 19 Knoten. Das Schiff hat die Eisklasse GL +100 A4 E4 + MC E4 AUT. Foto: Centurion1, CC BY-SA 3.0 , via Wikimedia Commons

 

 

 

 

 

 

Availability Calendar

Claim listing: Russland – Ostsee: Ust-Luga – Baltiysk

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